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Regulierung

Niederlande: Experten warnen vor Kollaps des Glücksspielmarktes durch Werbeverbot

28. Juli 20266 Min.von Lisa Lustich
Redaktionell geprüft von Lisa LustichLetzte Prüfung:
Niederlande: Experten warnen vor Kollaps des Glücksspielmarktes durch Werbeverbot

Die niederländische Regierung plant ein fast vollständiges Werbeverbot für Online-Glücksspiele. Experten befürchten, dass der Schwarzmarktanteil von bereits 49 Prozent weiter explodiert.

In Den Haag braut sich ein Sturm zusammen, der die gesamte europäische Glücksspielbranche aufhorchen lässt. Die niederländische Regierung hat beschlossen, dass die beste Werbung für Glücksspiele gar keine Werbung ist. Staatssekretärin Claudia van Bruggen treibt ein Paket voran, das ein nahezu totales Verbot von Online-Glücksspielwerbung vorsieht. Damit geht das Land einen Schritt weiter als viele andere europäische Nachbarn. Die Pläne umfassen nicht nur das Ende von Anmeldeboni wie Gratiswetten, sondern auch eine übergreifende Einzahlungsgrenze für alle Anbieter sowie eine Verschärfung des Selbstausschlussregisters CRUKS.

Diese Entwicklung ist kein plötzlicher Umschwung, sondern der vorläufige Höhepunkt einer schrittweisen Verschärfung. Seit der Marktöffnung im Jahr 2021 haben die Niederlande bereits Vorbilder in der Werbung untersagt und ungerichtete Werbung im Juli 2023 verboten. Ab Juli 2025 soll zudem das Sponsoring im Sport komplett verschwinden. Doch die Behörden sind der Meinung, dass diese Maßnahmen nicht ausreichen, um die öffentliche Exposition zu verringern. In der Branche wird dies kritisch gesehen. Wenn eine Medizin nicht wirkt, scheint Den Haag instinktiv einfach die Dosis zu erhöhen, anstatt die Therapie zu überdenken. Besonders brisant ist dabei der Wandel der politischen Zielsetzung. War anfangs die Kanalisierung, also das Leiten der Spieler zu lizenzierten Anbietern, das oberste Ziel, steht nun fast ausschließlich die Schadensprävention im Fokus.

Zahlen und Fakten

Die aktuellen Daten der niederländischen Aufsichtsbehörde KSA und privater Verbände zeichnen ein düsteres Bild. Der Anteil des legalen Marktes am Bruttospielertrag (GGR) ist Anfang 2025 auf nur noch rund 49 Prozent gefallen. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass mehr als die Hälfte des Marktes bereits in den grauen oder schwarzen Bereich abrutscht. Justin Franssen, Partner der Amsterdamer Kanzlei Franssen Tolboom, weist darauf hin, dass die KSA selbst Bedenken gegen ein Totalverbot geäußert hat. Laut Franssen stammen bereits jetzt geschätzte 95 Prozent der Glücksspielwerbung in sozialen Medien von illegalen Anbietern. Der Branchenverband VNLOK zählte allein im letzten Quartal 2025 über 70.000 Werbeanzeigen auf Meta-Plattformen, wovon über 95 Prozent von nicht lizenzierten Betreibern stammten. Weniger als 5 Prozent dieser illegalen Anzeigen wurden von der Plattform entfernt.

„Was man letztendlich mit einem totalen Verbot erreicht, ist, dass man den illegalen Anbietern die gesamte Bühne überlässt, während man lizenzierte Anbieter daran hindert, die Verbraucher darüber zu informieren, dass eine legale, regulierte und geschützte Alternative existiert. Meiner Ansicht nach ist das eine der schlechtesten politischen Ideen, die ich seit vielen Jahren gesehen habe.“ - Justin Franssen, Partner bei Franssen Tolboom

Zusätzlich belastet eine drastische Erhöhung der Glücksspielsteuer auf 37,8 Prozent des GGR die legalen Unternehmen. Der illegale Markt in den Niederlanden wird mittlerweile auf über 1 Milliarde Euro pro Jahr geschätzt. Das entspricht der Größe des gesamten regulierten Sektors. Experten wie Morten Rønde aus Dänemark beobachten ähnliche Trends in anderen Ländern. In Dänemark sank die Kanalisierungsrate von 90 Prozent auf 70 Prozent im Jahr 2025, was er direkt auf Werbebeschränkungen und hohe Steuern zurückführt.

Hintergrund

Der Vergleich mit Italien zeigt, wohin ein solches Werbeverbot führen kann. Dort gilt seit 2018 das sogenannte Würdedekret (Dignity Decree), das Werbung fast vollständig untersagt. Quirino Mancini, Partner bei WH Partners Italien, bezeichnet das Ergebnis als vernichtend. Der illegale Markt in Italien floriere und werde auf 22 Milliarden Euro geschätzt. Die Auswirkungen des Verbots auf die Kanalisierung in den legalen Markt seien minimal gewesen. Anbieter in Italien hätten zudem Schlupflöcher gefunden, indem sie Marken für Infotainment oder Quotenvergleiche werben ließen, die den Namen der Glücksspielmarke tragen. Die niederländische Staatssekretärin Claudia van Bruggen bleibt dennoch hart. Sie argumentiert, dass immer mehr junge Menschen online spielen und in Schwierigkeiten geraten, was diesen Trend unumkehrbar mache.

Interessanterweise lieferten gezielte Maßnahmen wie das 2024 eingeführte Einzahlungssystem durch Weerwind echte Erfolge. Die Verlustlimits von 150 Euro für 18- bis 23-Jährige senkten die Rate der Spieler, die ihre monatlichen Limits überschreiten, von 9,7 Prozent auf 2,2 Prozent. Die durchschnittlichen monatlichen Verluste sanken von 116 Euro auf 80 Euro. Solche evidenzbasierten Werkzeuge scheinen jedoch gegenüber dem politischen Wunsch nach einem Totalverbot in den Hintergrund zu treten.

Was heißt das für deutsche Spieler?

Die Parallelen zur deutschen Situation unter dem Glücksspielstaatsvertrag 2021 (GlüStV 2021) sind unübersehbar. Auch in Deutschland gibt es bereits strenge Werberegeln und massive Einschränkungen für lizenzierte Anbieter. Deutsche Spieler, die in GGL-lizenzierten Casinos spielen, sind durch das LUGAS-System und die 1.000-Euro-Einzahlungsgrenze geschützt. Zudem gilt hier das Einsatzlimit von 1 Euro pro Spin an virtuellen Automaten. Die niederländischen Pläne für ein herstellerübergreifendes Limit zeigen, dass die Regulierung europaweit in eine restriktivere Richtung drängt. Für Spieler in Deutschland bedeutet dies, dass der Schutz vor Schwarzmarktangeboten oberste Priorität behält. Ein Totalverbot in den Niederlanden könnte als Blaupause für radikale deutsche Jugendschutz-Forderungen dienen, sofern die Kanalisierungsrate in Deutschland stabil bleibt. Aktuell bietet die GGL-Whitelist die einzige Sicherheit, nicht bei unkontrollierten Offshore-Anbietern zu landen, die sich weder an Steuern noch an Spielerschutzregeln halten.

Was das für GGL-Casinos heißt

Für Betreiber mit einer Lizenz der Gemeinsamen Glücksspielbehörde der Länder (GGL) sind die Vorgänge im Nachbarland eine Warnung. Eine zu starke Einschränkung der Sichtbarkeit gefährdet die wirtschaftliche Basis der legalen Unternehmen. Wenn legale Werbung verschwindet, verlieren lizenzierte Anbieter den direkten Kontakt zum Kunden. Dies gibt illegalen Anbietern aus Übersee, die sich nicht an deutsche Gesetze halten, die Chance, über soziale Medien und Suchmaschinen aggressiv in den Markt zu drängen. Deutsche Anbieter müssen daher verstärkt darauf setzen, durch Seriosität und Sicherheit zu punkten, während sie gleichzeitig die strengen Compliance-Vorgaben von LUGAS und OASIS erfüllen. Der Fall Niederlande zeigt, dass regulatorischer Übereifer dazu führen kann, dass der Staat die Kontrolle über den Markt komplett verliert.

Quellen & weiterführende Links

Glücksspiel kann süchtig machen. Spielen Sie verantwortungsbewusst. Hilfe und Beratung unter 0800 1 372 700 (BZgA, kostenlos & anonym).

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